Träume sterben nie

Heute Nacht werde ich wissen, was dieser Tag gebracht hat, dachte Ralf, der junge Architekt und rollte sorgfältig seine Zeichnungen zusammen, ehe er Feierabend machte an diesem Montag im Herbst 1989.

Es war der 9.Oktober und dieser Tag würde eine Entscheidung bringen, das spürte er instinktiv.

Langsam ging er die breiten Treppen in dem Volkseigenen Betrieb in Leipzig hinab und beobachtete unauffällig die Menschen um sich herum.

Sie wirkten heute anders als sonst, verschlossener, unruhiger, es schien, als traute keiner dem anderen. Hatte er eben richtig gehört? „Heute machen wir sie platt!“

Ein Blick in den Flur des Kombinats bestätigte seine Vermutung, die Kampfgruppen wurden zusammengezogen.

Was hatte da vor ein paar Tagen ein Kampfgruppenkommandeur in der Leipziger Volkszeitung geschrieben? „Werktätige des Bezirkes fordern: Staatsfeindlichkeit nicht länger dulden. Wir sind bereit, das von uns Geschaffene zu schützen, um die konterrevolutionären Aktionen endgültig zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!“

Mit der Waffe in der Hand – soweit sind sie also schon, dachte er, innerlich aufgewühlt und eilte dem Ausgang entgegen.

Kühle, feuchte Luft umfing ihn. Er schlug den Kragen hoch und lief vorbei an gepflegten Blumenrabatten bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.

Unterwegs sah er kleine Gruppen leise diskutierender Menschen stehen und vernahm im Vorübergehen Worte wie: „Die Kinder sollen bis fünfzehn Uhr aus den Kindergärten der Innenstadt abgeholt sein…, die Krankenhäuser sind bereit zur Aufnahme der Verletzten…, wir sollten doch lieber zu Hause bleiben…, vielleicht gibt es Bürgerkrieg…“

In der Straßenbahn flüsterten nur ein paar junge Leute miteinander, ängstlich darauf bedacht, von keinem Fremden verstanden zu werden.

Als er ausstieg und in die nächste Seitenstraße einbog, hörte er aus dem Lautsprecher undeutliche Töne, die warnend und eindringlich klangen. Immer und immer wieder erscholl, zuletzt ganz deutlich: “Meiden Sie die Innenstadt – bleiben Sie zu Hause. Meiden Sie die Innenstadt – bleiben Sie zu Hause!“

Unwillkürlich ballte er die Fäuste, er hatte Mühe, seine Erregung zu verbergen und eilte mit schnellem Schritt nach Hause in seine kleine Wohnung. Diese Behausung verdiente den Namen Wohnung eigentlich gar nicht, es waren ein paar winzige, dunkle, feuchte und schlecht heizbare Räume in einem der vielen hohen Häuser aus den Gründerjahren in einer Straße Leipzigs, die zur Jahrhundertwende eine Prachtstraße gewesen sein mußte und in der die Gebäude nach vierzig Jahren SED-Herrschaft völlig abgewirtschaftet und zum größten Teil unbewohnbar geworden waren.

Ein hübsches, zartes Mädchen von etwa zwanzig Jahren mit langen dunklen Haaren öffnete die Tür und nahm ihn in den Arm.

„Hallo – schön, daß du kommst, der Kaffee ist gerade fertig“, freute sie sich und knipste die Lampe an. Eigenartig reflektierten die Wände des absichtlich tiefschwarz gestrichenen Flurs das Licht.

Ralf zog sein Mädchen an sich und sagte mit einem Seufzer: “Heute passiert etwas, es kann ganz schlimm werden. Sollen wir vorsichtshalber zu Hause bleiben?“

„Komm, wir reden erst mal über alles“, sagte Katrin und öffnete die Tür zu der kleinen Stube.

Ein hoher, lichter Raum ganz in hellblau mit einem riesigen Sofa voll kleiner selbstgenähter Kissen, einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen und selbstgezimmerten Regalen an den Wänden stand im überraschenden Gegensatz zu dem dunklen Vorraum.

„Andauernd kamen Meldungen im Fernsehen über die Demonstrationen am vergangenen Wochenende und die Übergriffe der Polizei. Erschreckend, wie Stasi-Leute eine schreiende Frau mit Gewalt über einen Platz abschleppten. Die werden doch nicht auf so viele Menschen schießen wie es in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens geschehen ist. Das kann ich nicht glauben“, sagte das Mädchen.

„Das ist es ja – wir wissen nicht, was heute passiert, wenn wir wieder zur Demo gehen. Denen ist alles zuzutrauen. Ich will nicht, daß dir etwas zustößt, ich hab dich doch lieb. Aber…wenn nun alle so denken, dann haben sie ja erreicht, was sie wollen. Dann bleiben die Straßen in Leipzig heute leer – und nichts verändert sich. Dann war alles umsonst, wir müssen doch weitermachen, sonst werden unsere Kinder eines Tages unter der gleichen verlogenen Diktatur leben wie wir…

Ich fühle es, die Zeit ist reif“, antwortete Ralf und fügte nach einer kleinen, nachdenklichen Pause hinzu: „Trotzdem kann es zu einem Blutbad kommen heute abend. Es wäre ja Wahnsinn, sich zusammenschie ßen zu lassen oder für Jahre hinter Gitter zu verschwinden – o Gott, manchmal wünschte ich, er würde mir sagen, was ich tun soll!“

Wenig später befanden sich die beiden jungen Leute in einer der überfüllten Straßenbahnen, die in Richtung Innenstadt fuhren. Trotz der ständigen Warnungen waren viele Menschen unterwegs. Es herrschte eine eigentümliche Stille zwischen ihnen, doch sie war getragen von Entschlossenheit und Optimismus, wie so mancher Blick verriet.

Man traf sich in Grüppchen in kleinen Nebenstraßen. Die Hauptverkehrsstraßen waren auffällig

leer, jedoch war an versteckten Stellen in den Gäßchen sowohl Polizei als auch ambulanter Rettungsdienst präsent.

Ralf und Katrin fanden sich in einer Menschenmenge wieder, die den Weg zur Nikolaikirche nahm, doch die war hoffnungslos überfüllt.

Wie sie später erfuhren, waren es nicht nur über zweitausend Demonstrationswillige, die sich dort versammelt hatten, um das Friedensgebet zu hören, es waren auch fast tausend SED.-Mitglieder dorthin geschickt worden, um die Plätze zu besetzen, damit nicht so viele „Konterrevolutionäre“

hineinpaßten.

Die Friedensgebete in dieser Kirche wurden seit 1982 jeden Montag um siebzehn Uhr abgehalten. Damals hatte eine oppositionelle Gruppe gewagt, die Losung „Schwerter zu Pflugscharen“ unter dem Dach der Kirche herauszugeben.

Seit Wochen war die Kirche montags um diese Zeit total voller Menschen. Viele nahmen mit Kerzen in den Händen die Aufrufe zur Gewaltlosigkeit mit auf die Straße.

Der Platz zwischen Kirche und Karl-Marx-Universität bot ein gespenstisches Bild. Einsatzbereit saßen Polizeimannschaften, bewaffnet mit Schlagstöcken, Schilden und Schutzhelmen auf ihren

Wagen in langen Kolonnen, dahinter Kampfgruppen.

Von der Bevölkerung war nichts zu sehen.

„Komm, Katrin, das gefällt mir gar nicht, gehen wir erst mal zu deiner Schwester in die Uni“, warnte Ralf und nahm sein Mädchen fester an die Hand.

Oben im Lesesaal trafen sie Uta, Katrins blonde kleine Schwester, die hier im vierten Semester Pädagogik studierte. Sie steckte in der Prüfungsvorbereitung und war in ein Buch vertieft. Von dem Geschehen auf dem Platz vor dem Gebäude schien sie noch gar nichts bemerkt zu haben.

Während sich die beiden Schwestern so manches zu erzählen hatten, suchte Ralf einen Pfeiler, von dem aus er den Platz gut beobachten konnte.

Mit scharfem Blick erkannte er schwere Waffen, die aus einigen Dachfenstern der umliegenden Häuser versteckt auf die zu erwartende Menschenmenge gerichtet war. Trauer und Wut stieg in ihm hoch und er dachte an die Worte, die ihm seine Eltern am vergangenen Sonntag mit auf den Weg gegeben hatten: „Geht morgen nicht zur Demonstration, es wird zu gefährlich. Denk an den siebzehnten Juni 1953. Du warst zwar damals noch nicht auf der Welt, aber wir haben miterlebt, wie die russischen Panzer plötzlich auf friedliche Demonstranten geschossen haben. Es gab so viele Tote und Verletzte und alles war umsonst. Hier in diesem Staat gibt es keine Freiheit. Bitte, bleibt zu Hause, wir haben Angst um Euch.“

„Diesmal ist es anders, ihr werdet sehen, die Zeit ist reif“, hatte er zuversichtlich geantwortet und dann doch versprochen, daheim zu bleiben, um sie nicht zu beunruhigen.

Und nun stand er hier und wartete auf ein Zeichen, vielleicht auf ein Wunder!

Er dachte an seine Schulzeit, an all die politischen Lügen, die sich die Kinder in Geschichte und Staatsbürgerkunde einzuprägen hatten. Das wollte er seinen eigenen Kindern ersparen.

Später, als er kurz vor dem Abitur geäußert hatte, daß er nicht drei Jahre zur Nationalen Volksarmee gehen wollte, da hatte ihm sein Direktor kurzerhand den von der Hochschule in Weimar zugesagten Studienplatz für Architektur zunichte gemacht. Ein kleiner Vermerk in den Bewerbungsunterlagen gab wohl den Ausschlag für die Ablehnung.

Noch heute stieg es bitter in ihm auf, wenn er an all das zurückdachte. Er wollte studieren und deshalb leistete er dann doch seinen dreijährigen Wehrdienst und bewarb sich in dieser Zeit immer wieder mit neuen, künstlerischen Arbeiten an den verschiedensten Hochschulen der DDR, bis es endlich doch auf einem Umweg über die Eignungsprüfung an der Kunsthochschule Berlin mit einem Architekturstudium in Weimar klappte.

Das alles war lange her. Seit ein paar Monaten, nachdem er das Examen erfolgreich bestanden hatte, war er als Diplomingenieur in Leipzig beschäftigt. Er liebte diese Stadt – und er litt mit ihr.

Katrin, seine treue Weggefährtin und ehemalige Mitstudentin, fühlte wie er.

Sie sahen, wie es in der Stadt an allen Ecken bröselte und bröckelte, die Häuser zusehends verfielen und wollten helfen, retten, was noch zu retten war.

Aber sie stießen immer wieder mit ihren Ideen an die Realität, wurden in die Schranken der Planwirtschaft verwiesen.

Frei sein – selbständig sein – als freie Architekten in einem freien Vaterland, welch ein Traum! Vaterland – gab es diesen Begriff überhaupt? Es war sein Großvater, der dieses Wort öfter gebraucht hatte: „Es ist eine Schmach und Schande, unser Vaterland Deutschland auf ewig in zwei Teile zu spalten. Wir gehören zusammen – und eines Tages werden wir wieder eins sein, ich weiß es. Und deshalb dürfen nicht alle guten Deutschen einfach in den Westen gehen, hier muß alles wieder aufgebaut werden“, hatte er immer und immer wieder gesagt – und war über diesem unerfüllbaren Traum gestorben.

„Dein Traum wird wahr, ich fühle es. Die Zeit ist reif und ich will bereit sein, Großvater“, flüsterte der junge, schlanke Mann und in seinen klugen, braunen Augen stand eine Träne.

Er dachte an seinen Vater, der mit Leib und Seele Architekt geworden war. Er trug zwar die Verantwortung für mehr als zwanzig Mitarbeiter einer großen Projektierungsabteilung, aber es gab kaum Freizügigkeit für eigene Kreativität.

Wie oft hatte er ihm von den wunderschönen Burgen und Schlössern, die es am Rhein gab, erzählt mit den Worten: „Einmal möchte ich das alles sehen können, das Deutsche Eck in Koblenz, die Lorelei, ein einziges Mal die Kaiserpfalz in Goslar sehen, das wär das Größte.“

„Für dich, Vater, für mich – für unsere ganze Familie will ich kämpfen um die Freiheit, damit niemand mehr seine Träume mit ins Grab nehmen muß!“ kam es lautlos wie ein Schwur von seinen Lippen.

Er war der älteste von vier Söhnen, sein Vater hatte ihn von klein auf „Meister“ gerufen, weil er so tüchtig und geschickt war. Und er hatte gelernt, vernünftig zu sein, sah er doch täglich, wieviel Arbeit die Mutter mit den drei kleineren Brüdern hatte.

Nein, er wollte jetzt nicht feige sein. Seine Eltern sollten stolz auf ihn sein können.

„Sieh doch, Ralf!“ rief seine Katrin und zeigte aufgeregt auf den Platz.

Und da sah auch er in der beginnenden Dämmerung eine plötzliche Veränderung:

Die Bereitschaftspolizisten hatten die Helme mit Käppis vertauscht und alle Waffen abgelegt. Jetzt wußte er, daß es gutgehen würde, drückte das Mädchen an sich und lief mit ihr die Treppen hinab auf den Platz.

Viele Menschen hatten sich versammelt und aus den Kirchen strömte eine unübersehbare schweigende Menge auf die Straßen,. Es wurden immer mehr, aus allen Seitenstraßen reihte man sich ein. Das junge Paar lief inmitten tausender friedlicher Demonstranten.

Ein Blick in die Gesichter der noch immer auf ihren Einsatzfahrzeugen sitzenden Bereitschafts- polizisten genügte, um zu wissen – das waren keine Mörder, die waren nicht bereit, zu schießen, die hatten höchstens Angst vor einem Befehl!

Ein Glücksgefühl erfaßte die beiden jungen Leute, sie fühlten sich von einer mächtigen Woge Gleichgesinnter mitgerissen.

Ein paar erregte Männer fingen an zu rufen: „Stasi raus – Stasi raus!“ Da wurden sie ganz ruhig von besonnenen Menschen in die Mitte genommen, die leise und doch deutlich vernehmbar eindringlich die Worte sprachen: „Keine Gewalt – keine Gewalt!“

Es war wie ein Wunder, diese Worte beruhigten die erhitzten Gemüter, sie verstanden das Gebot der Stunde. Nichts, aber auch gar nichts durfte von den Machthabern, die ihre Armee in Bereit- schaft hielt, als Provokation angesehen werden, sollte ein Blutbad verhindert werden.

Immer mehr Menschen kamen auf die Straßen, sogar die Zuschauer auf den Gehwegen verließen ihre passiven Plätze und demonstrierten mit.

In der zunehmenden Dunkelheit wurden unzählige Kerzen entzündet, dem Aufruf der Kirchen folgend:

„Wer eine Kerze in der Hand trägt, kann diese nicht zur Faust ballen…“

Leise und vereinzelt, dann immer lauter und machtvoller erscholl der Ruf: „Wir sind das Volk – wir sind das Volk!“ und: „Wir bleiben hier – wir bleiben hier!“

(In den Wochen zuvor war neben dem Ruf der Massen: „Wir sind das Volk!“ überall die Forderung: „Wir wollen raus!“ zu hören).

Doch noch war diese Nacht nicht vorüber, die Gefahr nicht gebannt.

Als sich die Menge in Richtung Hauptbahnhof bewegte, sah Ralf Wasserwerfer, mehrere Einsatz-fahrzeuge und Bereitschaftspolzisten, die mit Schlagstöcken, Schutzhelmen, Schilden und Tränengas ausgerüstet waren. Sie könnten den Zug aufhalten, die Menschen in Seitenstraßen drängen und auf sie einschlagen!

Ängstlich schmiegte sich das Mädchen an ihn. Er legte den Arm um sie und sagte leise zu ihr: „Für unsere Kinder!“

Den bewaffneten Kräften tönte aus tausend Kehlen entgegen:“ Kein neues China – wir sind das Volk – wir sind Volk!“

Und das Unerwartete geschah – die Waffen schwiegen!

Ungehindert gelangte der mächtige Demonstrationszug am Hauptbahnhof vorüber, vorbei an der gefürchteten Bezirksverwaltung für Staatssicherheit bis zum Neuen Rathaus, zurück zum Gewandhaus und zur Nikolaikirche, wo der Protest begonnen hatte.

Hunderttausende waren in dieser Nacht auf den Straßen.

Als Ralf und Katrin endlich wieder zu Hause waren, konnten sie es lange noch nicht fassen, sie fühlten noch immer dieses Brausen und Tosen in der Luft, die Geborgenheit in der Menge friedlicher Menschen, die alle nur das eine wollten – Freiheit und Demokratie.

Und dann nahm Ralf den Hörer, wählte die Nummer seiner Eltern und sagte mit vor Glück fast erstickter Stimme: „Wir waren dabei – und sie haben nicht geschossen. Jetzt könnt ihr beruhigt schlafen gehen.“

Am nächsten Morgen erschienen die beiden pünktlich wie immer an ihrem Arbeitsplatz und wurden von einer ganz verstörten Vorgesetzten empfangen: „Habt ihr das gesehen – diese unmöglichen Demonstranten haben das schöne Blumenbeet vor dem Haus zertreten…!“

Siegrid König im Rahmen der Schreibwerkstatt Sömmerda

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