Greiz braucht Industrie. Das hört man oft aus dem Mund der Bevölkerung und aus Oppositionsparteien. Aber ist das wirklich so ? Schaut man sich das Stadtmodell im Museum genau an, wird man leicht feststellen, das Greiz um 1900 eine Vielzahl von Industriegebäuden mit ihren typischen Sheddachhallen im unmittelbaren Stadtgebiet hatte. Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Vieles wurde wegen Baufälligkeit abgerissen und wich neuen Nutzungen wie Getränkemärkten, Sporthallen, Eishalle oder ähnlichem. Wir befinden uns im Umbruch zur Dienstleistungs- und Digitalgesellschaft. Überlassen wir doch die Industrie Standorten in Autobahnnähe wie Zwickau, Reichenbach, Plauen oder Treuen. Konzentrieren wir uns auf das, was das Potential dieser Stadt ausmacht: attraktiver Wohnstandort, touristisches Highlight, Dienstleistungsstandort und idealer Standort für innovative Medienunternehmen. Vielleicht gelingt es auch im Bildungssektor weiter voranzukommen. Momentan ist es erfrischend zu sehen, wie durch die Initiativen von Vereinen und Privatpersonen weiteres Leben einzieht. Villen werden für die Nutzung durch die Allgemeinheit saniert, allerortens werden Feste organisiert und gern besucht. Für mich ist Greiz seit 15 Jahren die “Stadt der Stoffe aus dem die Träume sind” und monatlich geht es weiter schrittweise in diese Richtung. Lassen wir uns weiter von der Zukunft überraschen.
Es ist schön, wenn sich Menschen Gedanken machen. Allerdings ist “Industrie” ein großer Begriff. Ist z.B. Spaleck oder Sempuco schon “Industrie” oder noch verarbeitendes Gewerbe? Kultur und Sport, Kunst und Bildung sind seit jeher Zuschussgeschäfte. Das Geld daher muss irgendwoher kommen und es kommt ganz gewiss nicht aus Sachsen! (Die genannten Städte liegen alle in Sachsen.) Der Autor verkennt hier dass nur ein gesunder Mittelstand auch solch städtische Strukturen tragen kann. Wer sich in ähnliche Städte in Franken begibt, wird schnell verstehen was ich meine. Das sich die Strukturen der Gewerbe ändern – unbestritten. Aber von nichts kommt nichts, Geld muss erst erwirtschaftet werden bevor es ausgegeben werden kann. Ich halte daher den Artikel im Ansatz gut, aber etwas naiv gedacht. Es sei denn, der Autor kann ein Beispiel bringen wo diese Idee funktioniert – ohne Zuschüsse von außen. Selbstständigkeit einer Kommune muss das Ziel sein – und ein Stadtsäckel das nicht permanent leer ist.
Trotzdem sollte auch ein gewisses Maß an Industrie angesiedelt werden, um dem Namen als Textilstadt gerecht zu werden. Ich glaube nicht, dass es Greiz schafft, nur als Wohnstadt zu existieren. Der Traum von einer “Touristenhochburg” dürfte auch längst ausgeträumt sein. Was ich vielmehr glaube, ist, dass es zwingend notwendig sein wird, neue Industrie anzusiedeln, wenn erst einmal die Uni ins Laufen kommt.